Politik Erklärung: Holzschuher zu Stasi-Fällen
Rubrik: Politik

"Die Bürger erwarten zu Recht in Stadt und Land von ihren Repräsentanten, dass sie die Probleme der Gegenwart lösen, die Zukunft gestalten. Dafür und nicht für Geschichtsdiskussionen sind wir gewählt", das sagte Mittwoch SPD-Fraktionschef Ralf Holzschuher in Brandenburg an der Havel. Er hat die kürzlichen Stasi-Fälle in der Fraktion zum Anlass für folgende persönliche Erklärung genommen:



Die heute veröffentlichte Erklärung von Holzschuher im Wortlaut:

"Sehr geehrte Stadtverordnete!

Das Jahr 2010 hat für meine Partei, aber auch für das gesamte politische Brandenburg, mit schwierigen Erkenntnissen begonnen. Die Information über Kontakte zweier ehemaliger Fraktionsmitglieder zum Ministerium für Staatssicherheit bestimmt die Debatte.

Die SPD ist 1989 in bewusster Abgrenzung von SED und Blockparteien gegründet worden. Sie kann mehr als die meisten anderen Gruppierungen diese Debatte führen, ohne dem Vorwurf von Heuchelei ausgesetzt zu sein. Schmerzlich ist die Erkenntnis, dass auch bei uns einzelne Mitglieder verstrickt waren. Und weil die SPD einen Gegenentwurf zu den anderen Parteien wollte, zugleich aber für Aufklärung und Aussöhnung steht, machen wir es uns und ihnen nicht leicht mit dem Thema.

Ich persönlich hatte dazu, wie ich dies etwa bei den Diskussionen im vergangenen Jahr deutlich machte, einen Maßstab: Jeder Fall ist ein Einzelfall, der erst nach Kenntnis der Umstände bewertet werden kann. Eine Verpflichtungserklärung allein kann heute kein negatives Werturteil mehr rechtfertigen. Wer Freunde, Verwandte, Kollegen verraten hat, ist aber moralisch nur dann ein möglicher Repräsentant, wenn er sich offen mit dieser Vergangenheit auseinandergesetzt hat.

Wäre dieser Maßstab allgemein anerkannt, wäre eine sachliche Auseinandersetzung mit den Folgen von DDR-Unrecht leichter. Doch die Maßstäbe sind verschoben.

Die Öffentlichkeit differenziert nicht mehr. Es reicht, das Wort „Stasi“ in den Raum zu stellen und mit einer Person zu verbinden – und alle negativen Assoziationen werden auf diesen Menschen übertragen. Seine Existenz ist in Gefahr, gleich wie schwerwiegend die Vorwürfe objektiv auch sein mögen.

Die fehlende Differenzierung verhindert Offenheit. Denn niemand kann Offenheit erwarten und verlangen, wenn Offenheit die berufliche und private Existenz gefährdet.

Und so droht das Scheitern der Aufarbeitung. Ohne differenzierte Betrachtung und ohne Offenheit kann es keine Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit geben. Das gilt um so mehr, als nicht nur das Thema „Staatssicherheit“, sondern das gesamte DDR-Herrschaftssystem betrachtet werden muss. Wir müssen fragen, welche anderen Funktionen staatstragend und System erhaltend waren. Und wir müssen fragen, warum bestimmte staatstragende Gruppen nach der Wende ohne weiteres in die neue Gesellschaft integriert worden sind, andere aber nicht.

Nach 20 Jahren deutscher Einheit ist es an der Zeit, eine umfassende Sicht auf die Jahre vor und nach der Wende vorzunehmen. Wir brauchen dafür endlich eine umfassende, ehrliche Diskussion. Eine Diskussion, die nicht zum Ziel hat, in der aktuellen politischen Diskussion Sieger und Verlierer zu erzeugen. Denn wir brauchen die Aufarbeitung, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen. Die SPD ist - ich sagte es - besonders dazu berufen. Wir werden uns dieser Verantwortung stellen und die Diskussion in den nächsten Monaten in die Stadt tragen.

Dabei dürfen wir aber eines nicht vergessen: Die Bürger erwarten zu Recht in Stadt und Land von ihren Repräsentanten, dass sie die Probleme der Gegenwart lösen, die Zukunft gestalten. Dafür und nicht für Geschichtsdiskussionen sind wir gewählt. Wir sind uns auch dieser Verantwortung bewusst."

Hinweis: Politische Pressemitteilungen gibt der Meetingpoint als Komplettzitate wieder; unsere Leser sollen sich eine eigene Meinung zu den Äußerungen unserer Politiker machen - ohne wertende Meinungen der Redaktion.

Dieser Artikel wurde bereits 765 mal aufgerufen. / Erstellt am: 27.01.2010 - 16:26 Uhr

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blitz 27-01-10 | 21:09
Na , Herr Döring ???
Wieder mal vom Thema abgekommen ???
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Christian Döring 27-01-10 | 16:52
Das kann so aber bitte nicht stehen bleiben:

Eine Verpflichtungserklärung allein kann heute kein negatives Werturteil mehr rechtfertigen, sagen Sie. Das heißt, Zeit heilt alle Wunden? Oder gibt es eine Verjährungsregel? Wo, auch nur ein mal im Artikel, kommt die Sprache auf die Bespitzelten, für die die Konsequenzen der Bespitzelung manchmal eine gravierende Änderung im Lebenslauf bedeutet habe?

"Wer Freunde, Verwandte, Kollegen verraten hat, ist aber moralisch nur dann ein möglicher Repräsentant, wenn er sich offen mit dieser Vergangenheit auseinandergesetzt hat." Entschuldigung, wer seine Familie verraten hat, ist für mich als Politiker und Repräsentant des Volkes nicht mehr tragbar.

Die Öffentlichkeit differenziert nicht mehr, sagen Sie. Es ist einfach, jetzt die Öffentlichkeit zum Mitschuldigen zu machen, aber ihre Aussage ist falsch. Diejenigen, die offen mit ihrer Vergangenheit umgegangen sind und so etwas wie Reue oder Bedauern gezeigt haben, stoßen oft auf Verständnis.

Nicht verständlich ist jedoch das heutige Verschweigen und Vertuschen, wenn denn kaum etwas gewesen sein sollte. Jugendsünden sind jedem zugestanden, ich fordere aber von einem Politiker den offenen Umgang damit, wenn er denn in der Politik aktiv bleiben möchte.

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Bernd Roth 27-01-10 | 19:06
Ich habe mir nach meiner Entlassung eine neue Existenz aufgebaut. Keine Politik, kein Rechtsanwalt, keine Seilschaft und eine kritische Sicht auf das, was mit mir bis 1989 geschehen ist. Alle meine Angebote für eine kritische und sachliche Bewertung unserer Geschichte sind ins Leere gelaufen. Eben kein Bedarf, offensichtlich ist eine, auch nach 20 Jahren, geartete differenzierte Betrachtung nicht erwünscht.Deshalb freue ich mich, darf ich das eigentlich, über Ihren Mut, diese Debatte auf andere, sachliche Art neu zu beginnen. Gruß BR
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mnp 27-01-10 | 17:24
Ich stimme ihnen zu Herr Holzschuher auch wenn sie sonst nicht meine Meinung vertreten. Da muss ich ihnen mal zustimmen. Das haben auch wir, die jetzt Opposition im Landtag sind in den letzten Jahren der Regierung versäumt.
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Ralf Weniger 27-01-10 | 16:58
Chapeaux Herr Holzschuher,

dass würde ich in weiten Teilen fast unterschreiben. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema DDR ist nicht nur wünschenswert. Sie ist auch elementar wichtig, wie die Gedächtnislücken ehemaligen Mitarbeiter des MfS zeigen.

Dennoch hatte ich mir von der SPD eine umfangreichere Stellungnahme erhofft. Gerade darüber, wann wer was wusste. Nur so könnten Spekulationen verhindert und wahre Aufklärung betrieben werden.

Aufklärung fängt aber schon in der Schule an. Es ist elementar wichtig, dass sich Schüler mit der Ver-gangenheit der DDR und Westdeutschland genauso Intensiv auseinandersetzen, wie mit den Entwick-lungen um Nazi Deutschland.
Doch so lang dies der Lehrplan nicht hergibt - vor allem so lang es Pädagogen gibt, welche das Unrecht im DDR System nicht verstehen können (wollen) - so lang kann eine offensive und differenzierte Aus-einandersetzung mit dem Thema meines Erachtens nicht geschehen. Den Jugendlichen fehlt dazu ein-fach das Wissen.

Wissen, was helfen könnte das Vertrauen in die Freiheitlich Demokratische Grundordnung zu stärken und Freiheit der Bundesrepublik schätzen zu lernen.

Mfg RW
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