Die Stadtbefestigung, mit deren Bau um 1300 begonnen wurde, bestand weitgehend aus Backstein. Zuvor waren Alt- und Neustadt mit einer Holz-Erde-Befestigung umgeben. Von der Backsteinmauer des 14. Jahrhunderts mit Weichhäusern (Wieckhäusern) sind nur geringe Abschnitte in der Gegenwart übriggeblieben. Alt- und Neustadt besaßen ursprünglich jeweils vier mehrteilige Toranlagen. Davon haben sich lediglich vier Tortürme erhalten. In der Altstadt stehen der Rathenower und der Plauer Torturm, in der Neustadt der Mühlentorturm und der Steintorturm.
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Es gilt als gesichert, dass der Rathenower Turm der älteste gemauerte Torturm der Stadt an der Havel ist, dessen erster Abschnitt (Unterbau) um das Jahr 1300 errichtet worden war. Der Torturm hat die Form eines unregelmäßigen Vierecks.
Bis um 1380 setzte man zwei weitere, beiderseits des Wappenflieses verzierte Geschosse auf, über den ein hölzerner Umgang verlief, eine sogenannte Hurde. Zur Erklärung, eine Hurde (althochdeutsch hürd „Flechtwerk aus Reisern“) ist ein im Spätmittelalter in Gebrauch gekommener nach außen vorragender hölzerner und überdachter Wehrgang auf Burg- oder Stadtmauern zur Bekämpfung von Angreifern am Mauerfuß. Der überstehende Teil des Wehrganges wurde durch hölzerne Streben abgestützt, die in Mauerlöchern verankert waren oder auf steinernen Konsolen aufsaßen.
Hurden konnten eingeschossig oder zweigeschossig („Doppelhurde“) sein. Die nach außen gerichteten Wände bestanden aus dicken Holzplanken und waren mit Schießscharten versehen. Auf der über die Mauer hinausragenden Unterseite befanden sich üblicherweise Wurf- oder Gussöffnungen, durch die Steine auf die Angreifer geworfen oder heiße Flüssigkeiten auf sie gegossen werden konnten. Diese Löcher hatten damit die gleiche Funktion wie Maschikulis bei steinernen Wehrgängen, die besonders in Frankreich und Oberitalien zu finden sind.
In einer der Hurde ähnlichen Bauart konnten auch einzelne Aufbauten in Form eines Erkers oder Scharwachturms auf der Mauerkrone aufsitzen. Diese werden als „Kampfhäuschen“ bezeichnet und entsprechen in ihrer Funktion den steinernen Wehrerkern. In Verbindung mit Türmen, Schießscharten, Wehrgängen und Wehrerkern ermöglichten Hurden eine in der Höhe gestaffelte und damit flexible Verteidigung.
In den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts wurde die Hurde beseitigt und geschickte Bauhandwerker setzten die beiden Obergeschosse auf, deren Fassaden mit Stich- und Spitzbogenblenden geschmückt und mit großen Kreis- und Wappenblenden versehen worden. Aus den Wappen, die die Herrschergeschlechter der Mark Brandenburg mit Ausnahme der Hohenzollern zeigen, ergibt sich, dass der Turm errichtet wurde, als der böhmische Löwe über der Stadt waltete, also zur Zeit Karls IV. oder Sigismunds. Die reihenförmig angeordneten Wappenblenden der Stadtseite enthielten Malereien.
In den sechs Blenden waren dargestellt:
1. ein Rad
2. ein bayrischer Wecken
3. sächsisch-anhaltinischer Balken
4. der schwarze einköpfige Reichsadler
5. der böhmische Löwe
6. der rote brandenburgische Adler
Die Blendendarstellengen sind nach 1928 nicht mehr erneuert worden und somit kaum noch sichtbar.
In der Mitte des 14. Jahrhunderts ließen die Altstädter Bürger ein robustes Verlies in das Souterrain des Turmes einbauen und das darüber liegende Geschoss zu einem gewölbten Waffendepot umfunktionieren.
Der Rathenower Torturm nimmt noch Bezug auf eine ältere Stadtmauerlinie. Mindestens an der Ostseite der Altstadt ging dem Stadtmauerbau der Bau des inneren Grabens voraus, dessen Aushub als Wall auf der Stadtseite angeschüttet wurde. Darauf gründete man die Backsteinmauer mit einer regelmäßigen Folge von Wiekhäusern (Halbrunde, die Stabilität der Mauer sichernde Verteidigungsanlage. Das Wort „Wiek“ steht für Ausweichen. Den Zusatz „Haus“ erhielten die Wieken, weil einige davon mit hausartigen Aufbauten versehen wurden.), wie sie für die Mark Brandenburg typisch sind.
Das Rathenower Tor hatte auch ein Vortor, von dem man über eine Brücke zum Haupttor gelangte. Die Brücke war durch Mauern gegen mögliche Feinde geschützt. Der von den Brückenmauern eingeschlossene Raum wurde „Zwinger“ genannt. An den zunächst als schlichtes Torhaus existierenden Wehrbau schloss sich stadtauswärts eine erste hölzerne Zugbrücke an. Zehn Jahre danach dürfte dieser Bau auch stadteinwärts erweitert worden sein, so Tschirch in seinem Buch über die tausendjährige Stadtgeschichte Brandenburgs.
Beim Rathenower Turm hatte man zu den Nutzungszeiten auch die Möglichkeit des Leiterzugangs, um ins 1. Geschoss zu gelangen. Vor allem bei der schnellen Torbesetzung war dies von Nutzen. Wir müssen uns vorstellen, dass auf dem obersten Stockwerk der Tortürme die Wehrplatte war, die von einer Brustwehr umgeben war. Nach dem Stadtgraben hin hatten die Türme Abortanlagen, die aus den oberen Geschossen heraustraten. Vor 1582 erfolgte eine nochmalige innere Verstärkung und der Ersatz des hölzernen Abschlusses durch einen gemauerten Umgang und den Kegelaufbau.
Zwei Jahrhunderte später erfolgte schließlich eine letzte Aufstockung des quadratischen Turms, dessen Abschluss ein gemauerter und spitz zulaufender Kegelhelm bildet. Somit hatte der Rathenower Torturm seine endgültige Höhe von 28 Metern erreicht. Hinter seiner Schartenmauer erhebt sich der zuckerhutförmige Helm, dessen Spitze einen schmiedeeisernen Raben mit einem Ring im Schnabel trug.
1870 wurde der Turm umfassend restauriert.
1911 wurden die quadratischen Grundmauern des Rathenower Turms von zwei Seiten durchbrochen und ein Fußgängerdurchgang angelegt.
1945 wurde der Rathenower Torturm durch Geschütztreffer geschädigt.
1996 fand die letzte Sicherung des Turmes statt.
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