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Die Reichstein-Villa – Über 40 Jahre Sitz der Musikschule

Historisches
  • Erstellt: 22.06.2026 / 20:01 Uhr von Marcus Alert
Eine der schönsten Villen der Stadt steht am Anfang der Potsdamer Straße direkt am Stadtkanal. Die sogenannte Reichstein-Villa wurde allerdings ursprünglich nicht für einen der Brennabor-Chefs gebaut. Bauherr war im Jahre 1907 der Tuchfabrikant Gustav Kehrl (1867-1931). Der hatte 1902 mit seinem Bruder Richard die in der Schützenstraße beheimatete Fabrik des Vaters übernommen. Als die Firma 1913 abbrannte, verlagerten die beiden Brüder – mithilfe der Versicherungssumme - ihre Unternehmung nach Cottbus. 1918 verkaufte Gustav Kehrl dann auch die Villa an Walter Reichstein (1884-1965).
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Schöpfer der Villa im damals gefragten Heimatstil war der Architekt Paul Schultze-Naumburg. Der eingeschossige Putzbau verfügt über ein ausgebautes Mansardwalmdach sowie mehrere Gauben. Die Schauseiten sind zum Stadtkanal und zur Potsdamer Straße ausgerichtet. Auch das Innere wurde von Paul Schultze gestaltet. Seine Saalecker Werkstätten zeichneten für die vertäfelten Decken und Wände sowie für den Kronleuchter verantwortlich. Bis heute blieben auch die Türen und Heizungsgitter sowie die Stuckdecken erhalten. Gleiches gilt für das Kaminzimmer mit expressionistischem Mobiliar.

Im Dachgeschoss wohnte das Personal. Das bestand bei Walter Reichstein aus der Wirtschafterin Frieda Bartsch, der Hausgehilfin Bertz und dem Chauffeur Herrmann Hennig. Im Jahre 1927 erfolgte im Auftrag von Walter Reichstein durch den jüdischen Architekten Leo Nachtlicht der Einbau einer repräsentativen Empfangshalle mit Steinauskleidung sowie passendem Spiegel, Garderobe und Treppe zum Hauptgeschoss. Im 2. Weltkrieg wurde letztlich nur ein Buntglasfenster zerstört. Nach Kriegsende zogen Umsiedler in die prächtige Villa ein. Am 5. Januar 1953 wurde in der Immobilie die gerade gegründete Volksmusikschule feierlich eröffnet.

Im Jahre 1990 stellten die Reichstein-Erben einen Restitutionsantrag, der 1993 positiv beschieden wurde. Als Folge verließ die Musikschule im Oktober 1995 die Villa, zog übergangsweise in die Bäckerstraße, und residiert seit November 1997 in der GutsMuthsstraße. Die Reichstein-Erben veräußerten das Haus nebst Garten und Pavillon an zwei Bremer Investoren, die die Villa sanierten und später weiterverkauften. Seit mehreren Jahren hat in der Reichstein-Villa das indische Restaurant „Malabar“ seinen Sitz.

Bilder

Die gerade sanierte Reichstein-Villa im Jahre 2010. Foto: Alert
Gustav Kehrl ließ sich 1907 die prächtige Villa bauen. Foto: Archiv Alert
Die Touristen fahren mit ihren Booten direkt auf die Villa zu. Foto: Alert
Die unversehrte Reichstein-Villa unmittelbar nach dem Weltkrieg. Foto: Archiv Alert
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