Logo

Leserbrief: Queer in Brandenburg an der Havel

Leserbriefe
  • Erstellt: 21.07.2026 / 12:01 Uhr von Antonia Beuermann
Als queere Brandenburgerin und Meetingpoint-Leserin, die den Brandenburger CSD besucht hat, habe ich mich im Vorfeld selbstverständlich über den Beitrag [In Brandenburg wird queeres Leben laut gelebt!] Ihrer Redaktion gefreut. Schön zu lesen und endlich etwas Sichtbarkeit, dachte ich mir. Was mich dann jedoch irritierte, war ein Leserbrief mit dem Titel [Der CSD ist längst kein Bürgerrechtsprotest mehr!] als Antwort darauf und die Tatsache, dass darin mehrere Behauptungen aufgestellt werden, die der aktuellen Faktenlage widersprechen. Ich bin enttäuscht darüber, dass gerade in Brandenburg an der Havel, einer Stadt, in der nach meinen eigenen Erfahrungen, queeres Leben kaum möglich ist, ohne mit Unverständnis angestarrt oder anderweitig angefeindet zu werden, eine solche Meinung eine Bühne geboten bekommt.
Anzeige

Der Christopher Street Day ist keine beliebige Veranstaltung, sondern eine Bürgerrechtsbewegung, die für die Gleichberechtigung und den Schutz einer Minderheit kämpft. Er ist eine Demonstration, die sichtbar machen soll, und ein Ort, an dem jede Person sein kann, wer sie will, ohne Angst vor Diskriminierung haben zu müssen. Ein einziges Mal im Jahr, denn alle anderen Tage finden nicht in geschütztem Rahmen, sondern im echten Leben statt. Einem Leben, das man nicht nachvollziehen kann, wenn man es selbst nicht lebt.

Solange Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität beleidigt, bedroht oder Opfer von Gewalt werden, erfüllt der CSD genau den Zweck, für den er entstanden ist: Sichtbarkeit schaffen und auf bestehende Missstände aufmerksam machen. Der Leserbrief vermittelt den Eindruck, Benachteiligung aufgrund der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität spiele heute kaum noch eine Rolle und der CSD habe seinen eigentlichen Zweck längst verloren. Die Realität sieht leider anders aus. Das Bundeskriminalamt verzeichnet seit Jahren einen Anstieg queerfeindlicher Straftaten. Allein 2025 stiegen diese erneut deutlich an, gleichzeitig ist der Anteil der Gewaltdelikte überdurchschnittlich hoch. Für viele queere Menschen ist Sichtbarkeit deshalb keine Frage der Selbstdarstellung, sondern der Sicherheit.

Auch die Behauptung, staatliche Unterstützung oder das Hissen der Regenbogenflagge verletzten die Neutralität des Staates, greift zu kurz. Unser Grundgesetz verpflichtet den Staat nicht nur dazu, Diskriminierung zu verbieten, sondern auch dazu, bestehende Benachteiligungen abzubauen und den Schutz aller Menschen zu gewährleisten. Wenn Städte oder Kommunen mit der Regenbogenflagge ein Zeichen gegen Ausgrenzung setzen, ist das keine Ausgrenzung Anderer, sondern ein Ausdruck dieses Schutzauftrags und ein Zeichen der Solidarität. Das ist Demokratie.

Ebenso wenig lässt sich die Arbeit hinter einem CSD als „politisches Geschäftsmodell“ abtun. Gerade in kleineren Städten wie Brandenburg an der Havel wird der überwiegende Teil der Organisation ehrenamtlich geleistet. Die Menschen investieren ihre Freizeit, um Begegnungsräume, Beratungsangebote und sichere Anlaufstellen zu schaffen. Strukturen, die vielerorts noch immer fehlen, wenig oder nur schwer Förderung bekommen und von der Mehrheitsgesellschaft mittlerweile offensichtlich als überflüssig betrachtet werden. Meetingpoint versteht sich als Nachrichtenportal für alle Menschen in unserer Stadt. Genau deshalb wünsche ich mir, dass veröffentlichte Leserbriefe zwar unterschiedliche Meinungen zulassen, überprüfbare Tatsachenbehauptungen jedoch kritisch eingeordnet werden. Meinungsvielfalt lebt vom Austausch unterschiedlicher Perspektiven und nicht davon, dass falsche Behauptungen unwidersprochen stehen bleiben. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 33,6 % des Wahlkreises mit ihrer Erststimme die AfD. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, dass sich Medien und Stadtgesellschaft sichtbar für diejenigen einsetzen, die häufiger Anfeindungen und Diskriminierung erleben. Das ist keine Parteinahme, sondern ein Bekenntnis zu den Grundwerten unseres Zusammenlebens: Menschenwürde, Gleichberechtigung und Respekt.


Bitte beachten: Meldungen in der Rubrik "Leserbriefe" geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sie sind ein persönlicher Text des jeweiligen Verfassers. Einsendungen sind unter [info@meetingpoint-brandenburg.de] möglich.
Dieser Artikel wurde bereits 3.213 mal aufgerufen.

Werbung