Kürzlich war der Zeitzeuge Karl-Heinz Rutsch am von Saldern-Gymnasium in Brandenburg an der Havel zu Gast. Vor zahlreichen Schülerinnen und Schülern berichtete er über sein Leben in der DDR, seinen gescheiterten Fluchtversuch und die Jahre im Gefängnis. Das Gespräch machte deutlich, wie stark Kontrolle, Angst und politische Beeinflussung den Alltag vieler Menschen bestimmten. Rutsch schilderte, dass bereits in der Schule großer Wert auf Anpassung gelegt wurde. Politische Organisationen und Rituale gehörten zum Alltag. Wenn in der Klasse „Seid bereit!“ gerufen wurde, antworteten die Schülerinnen und Schüler mit „Immer bereit!“. Dadurch sollte schon früh Loyalität gegenüber dem Staat vermittelt werden.
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Neben der Schule spielte Sport eine wichtige Rolle in seinem Leben. Er berichtete, dass er sehr aktiv und erfolgreich gewesen sei. Trotzdem habe er immer stärker gemerkt, dass er sich mit dem politischen System der DDR nicht identifizieren konnte. Er beschrieb zu dem, dass es 3 Möglichkeiten gab, mit dem System zur damaligen Zeit umzugehen. Diese wären: 1. Das System zu unterstützen, 2. Sich gegen das System zu wehren oder 3. Das System zu schwächen. Rückblickend beschrieb er die Situation mit den Worten: „Das ganze Leben war ein Kampf.“ und dass er sich für den dritten Weg entschieden hätte „das System zu schwächen“.
Besonders eindrucksvoll war seine Erzählung über den Fluchtversuch im Jahr 1973. Kurz nach seiner Hochzeit plante er gemeinsam mit seiner Frau die Flucht in den Westen. „Drei Tage nach der Hochzeit wollten wir fliehen“, erzählte er den Schülerinnen und Schülern. Um keinen Verdacht zu erregen, wurde die Reise offiziell als Urlaub nach Ungarn beantragt. Der Plan scheiterte jedoch, woraufhin Rutsch verhaftet wurde. Vor Gericht wurde ihm unter anderem Spionage, (Fahnen-)Flucht und der Besitz eines Messers vorgeworfen (Vorwurf des Terrors). Danach kam er für 15 Jahre in Haft und später auch nach Brandenburg in den Strafvollzug.
Vor allem die Schilderungen aus seiner Gefängniszeit bewegten viele Zuhörerinnen und Zuhörer. Rutsch berichtete von völliger Isolation. Es gab keine Fenster, keine Musik und lange Zeit weder Bücher noch Schreibmaterial. Andere Gefangene bekam er nie zu Gesicht. Selbst nachts ging regelmäßig das Licht an, sodass kaum Ruhe möglich war. Um nicht den Verstand zu verlieren, musste er sich selbst beschäftigen. Er formte kleine Kugeln aus Toilettenpapier und trainierte damit Würfe durch die Zelle. Außerdem beschäftigte er sich mit Zahlenrätseln, magischen Quadraten oder zeichnete mit Zahnpasta und einem Kamm.
Später durfte er Bücher lesen. Dazu sagte er schmunzelnd: „Ich habe mir natürlich die dicksten ausgesucht.“ Trotz der schwierigen Haftbedingungen versuchte er also, seinen Alltag irgendwie zu bewältigen und die Zeit sinnvoll zu nutzen.
Auch über seine Familie sprach Rutsch offen. Seine Eltern hätten ihn nie im Stich gelassen. „Meine Eltern haben sich nie abgewendet“, betonte er. Diese Unterstützung habe ihm geholfen, die schwere Zeit zu überstehen.
Nach zehn Jahren im Gefängnis wurde er jedoch 1983 von der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Häftlingsfreikaufs freigekauft. Wie hoch die Summe war, die die BRD für seine Freilassung zahlte, ist ihm bis heute nicht bekannt. Über sein weiteres Leben nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik berichtete Rutsch während des Zeitzeugengesprächs nicht näher.
Mit seinem Besuch am von Saldern-Gymnasium gab Karl-Heinz Rutsch den Schülerinnen und Schülern nicht nur einen Einblick in die Geschichte der DDR, sondern auch in die persönlichen Folgen von Unterdrückung und fehlender Freiheit. Besonders seine Schilderungen aus der Haft und die Erinnerungen an den gescheiterten Fluchtversuch machten die Veranstaltung emotional und eindrucksvoll.