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Pestalozzi-Schule als Vorreiter bei digitaler Berufsorientierung: 5 Fragen an Lehrer Heinz Kretschmer!

Interview
  • Erstellt: 09.03.2021 / 07:03 Uhr von Antje Preuschoff
Weil die Präsenz-Berufsorientierung unter Corona-Bedingungen nicht mehr möglich ist, hat die Johann-Heinrich-Pestalozzi-Förderschule sie kurzerhand digitalisiert. Mit der Arbeitsagentur, dem Landes-Förderprogramm INISEK und dem Bildungsträger ZAL startete die digitale Berufsorientierung vor zwei Wochen. Damit ist die Schule die erste im Land Brandenburg, die das ermöglicht. Lehrer Heinz Kretschmer, Koordinator Berufsorientierung, erzählt im Interview, wieso es der Schule so wichtig war, digital weiterzumachen und wie das gut funktionieren kann.

Meetingpoint: Was macht Berufsorientierung an der Förderschule so wichtig?
Heinz Kretschmer: Die Entwicklung unserer Schüler ist teilweise sehr verzögert, sie sind im Lernen beeinträchtigt und verhaltenskreativ. Daher bestehen nicht nur in den Kulturtechniken größere Defizite, sondern ebenso in den personalen, sozialen und anderen Schlüsselkompetenzen. Diese erlernen unsere Schüler am besten aus der Praxis. Deshalb ist die frühzeitige Vermittlung von beruflichen Vorstellungen, das Entwickeln von Neigungen und Interessen beim Arbeiten in Werkstätten ein wesentlicher Schwerpunkt.
Es ist entscheidend, dass die Schüler zum einen ein realistisches Berufsbild bekommen, zum anderen aber auch lernen, ihre eigenen Fähig- und Fertigkeiten realistisch einzuschätzen und danach ihren Berufswunsch auszurichten. So gelingt der Übergang von Schule in die Ausbildung leichter und besser und es werden Ausbildungsabbrüche vermieden.

Wie sah die Berufsorientierung bisher aus?
Heinz Kretschmer: Wir haben als eine der ersten Förderschule des Landes Brandenburg die Berufsorientierung als Schwerpunkt gesetzt. Das war vor ungefähr sieben Jahren. Dank des Landes-Förderprogramms Initiative Sekundarstufe I (INISEK I) und unseren Kooperationspartnern, insbesondere der ZAL GmbH (Zentrum Aus- und Weiterbildung), wurden das Praxislernen und die Berufsorientierung wöchentlich im Schulalltag und als Querschnittsaufgabe aller Fächer fest eingebunden.
In den Werkstätten der ZAL lernen unsere Schüler der Jahrgangsstufen 7 bis 10 unterschiedliche Berufsfelder und -bereiche kennen. Dazu gehören unter anderem der hauswirtschaftliche Bereich, Metall-, Holz- oder Gartenlandschafts-Bau (GaLaBau). Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass das von den Schülern, Eltern und Lehrkräften sehr gut angenommen wurde und nachhaltige Auswirkung auf den Unterricht in der Schule hat. Dann kam Corona. Die Schüler dürfen nicht mehr in die Werkstätten. Praktika sind nicht mehr möglich. Die Berufsorientierung ist weg....

Das wollte die Schule aber so nicht akzeptieren?
Heinz Kretschmer: Unter der gegenwärtigen Situation leiden letztlich vor allem die Schüler der abschlussnahen Jahrgänge, insbesondere an unserer Förderschule. Sie haben weniger Chancen, sich rechtzeitig und aktiv mit ihrer beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Also haben wir uns überlegt, wie können wir das auffangen? Wir haben gemeinsam mit dem Träger ZAL und INISEK West ein Konzept entwickelt, wie wir die Berufsorientierung digital umsetzen können.
Unser Vorteil ist, dass wir unsere Schüler schon früh an die notwendige Technik herangeführt haben. Unsere Schule ist die erste „Medien fit“-Förderschule des Landes Brandenburg sowie Schulcloud-Pilotschule. Wir haben ein überzeugtes Lehrerteam, eine gute Hardwareausstattung dank unseres Schulträgers und fast allen Schülern wird ein digitales Endgerät in Klassen 7 bis 10 für den Unterricht zur Verfügung gestellt. Die digitale Berufsorientierung wird vom Kollegium getragen, die Lehrerkonferenz hat einen entsprechenden Beschluss gefasst.
Mit diesen Voraussetzungen ist es uns gelungen, die Arbeitsagentur und INISEK West von unserem Vorhaben zu überzeugen. Die digitale Berufsorientierung „Lernen in Werkstätten“ wird nun durch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport sowie die Arbeitsagentur finanziert.

Wie sieht das nun genau aus?
Heinz Kretschmer: Der Fachbereichsleiter, die Lehrmeister aus den jeweiligen Werkstätten und die Schülergruppe treffen sich digital. An genau dem Tag, an dem sie vorher die Berufsorientierung hatten. Wir haben den Schülern – je nach Berufsfeld – Überraschungspakete als Ausgangsbasis zur Verfügung gestellt. Im GaLaBau gab es zum Beispiel Erde und Blumenzwiebeln. In Hauswirtschaft alles, was nötig ist, um eine Handyhülle zu nähen, wie Stoff, Nadel, Faden. Rund um diese Pakete gibt es dann Aufgaben, den Austausch in den Videokonferenzen sowie Präsentationen zu den Themen.

Wie läuft es bisher?
Heinz Kretschmer: Es läuft gut. Die Vorbereitung durch die ZAL ist sehr gut. Die Lehrerkollegen haben außerdem zuvor die Videokonferenzen und den Umgang mit der Schulcloud mit den Schülern trainiert. Vielleicht gibt es noch technische Stolpersteine, aber das wird.
Es ist ganz neu, also versuchen wir natürlich vieles, müssen schauen und selber lernen. Wir sind die erste Förderschule des Landes, die die digitale Berufsorientierung durchführen. Meiner Ansicht nach kann das aber an allen Schulen funktionieren, man kann es übertragen. Unter anderem sind wir mittlerweile eine Kooperation mit der Förderschule Ludwigsfelde eingegangen, die die digitale Berufsorientierung bei sich ebenfalls etablieren möchte.

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